Zeitreisende I: Auf nach Kambodscha

Mitten in der Nacht brachen wir schwer bepackt auf und verließen das Hotel. An der Straße hielten wir angestrengt Ausschau nach einem Taxi. In einiger Entfernung erspähten wir die ersehnte Fahrgelegenheit vor einem großen Hotel. Wir liefen durch die träge, schwüle Luft darauf zu, verhandeteln genervt, aber erfolgreich und verladen unser Gepäck, bevor wir es uns auf der Rückbank gemütlich machten.
Das Taxi glitt Meter für Meter aus der Stadt und ich war froh hier wegzukommen. In Schwärze getaucht wirkte Bangkok bedrohlich. Die Straßen waren leer gefegt, die Wolkenkratzer unbeleuchtet. Ich ließ meine gewonnenen Eindrücke Revue passieren. Bangkok stank. Bangkok war eklig. Bangkok war voll. Ich konnte der Stadt nichts abgewinnen. Meine Begleitung, eine gute Freundin aus dem Studium, hatte recht. Sie hat es mir bei der Planung prophezeit, aber ich war zu fasziniert von der Weltstadt, um bei einem Trip durch Asien diese Stadt zu verschmähen.
Wenige Stunden später saßen wir im Flieger und warteten darauf, dass die Turbinen aufdrehten. Das Flugzeug war fast leer, die Anzahl der Passagiere überschaubar. Ich war vollkommen übermüdet, rutschte unruhig auf meinem Platz hin und her und spürte, wie ich die Nerven verlor. Ich fühlte mich in diesen Flugzeugen nicht wohl, witterte bei jedem Knacken den Tod. Nun mental geschwächt, war ich kurz davor durchzudrehen. Nicht so meine Freundin, die lag entspannt in ihrem Sitz, frei nach dem Motto „Umso länger wir hier rumstehen, umso länger kann ich schlafen.“ 
Dann, nach mehr als einer Stunde, fing mein Sitz an zu vibrieren, die Turbinen drehten auf, und mit voll Speed raste das Flugzeug auf den Horizont zu. Ich bewegte mich nicht einen Millimeter - weder vor, noch zurück. Hielt verkrampft die Lehnen umfasst. Starrte traumatisiert und yogisch atmend auf den Platz vor mir. Meine tiefenentspannte Freundin hob einmal kurz und unbeeindruckt ihre Schlafmaske, um sich einen Überblick zu verschaffen und ließ sie dann, kopfschüttelnd bei einem Blick auf mich, wieder herunter.
Nach ungefähr zwanzig Minuten hatte ich mich wieder beruhigt und stellte zu meiner großen Überraschung fest, dass ich die einzige Person war, die Stress hatte. Der Flieger glitt sanft und friedlich durch den Himmel. Ehrlich gesagt, handelte es sich im Nachhinein um den enspanntesten und besten Flug, den ich je hatte. Ich löste langsam meinen Blick vom Sitz vor mir und traute mich aus der ovalen Luke zu meiner Rechten zu schauen. Unter mir erstreckten sich eckige Felder, die von oben wie rasiert aussahen. Keine Städte, nur Natur. Die Sonne schien mittlerweile hell übers Land und ich ließ mich von dem immer gleichbleibenden Panorama beruhigen.
Dreißig Minuten später ertönte die ersehnte Ansage: Wir landen. Ich schnallte mich glücklich an und erwartete das erfolgreiche Aufsetzen der Reifen. Unter mir sah ich einen winzigen Flughafen mit einer handvoll Bahnen immer näher kommen. Die Maschine setzte auf und nur wenige Minuten später wurden bereits die Türen aufgemacht. Es war noch keine 09:00 Uhr und die Luft schlug mir heiß entgegen. Ich war wie so oft komplett in schwarz gekleidet, trug einen kleinen Rucksack, an dem ein vietnamesischer Strohhut aus Thailand baumelte. Ich kniff die Augen gegen die Sonne zusammen, schaute auf meine Füße. Dann stieg ich die Stufen der mobilen Treppe runter und betrat Kambodscha. Eine seltsame Stimmung überkam mich als ich über das Rollfeld lief. Es fühlte sich aufregend an. Besonders.
Das Ankunftsterminal bestand aus einem überschaubaren Raum. Drinnen tummelten sich Touristen, die sich um einen weiteren Stempel in ihrem Reisepass bemühten. Meine Freundin und ich hatten, in weiser Voraussicht, ein E-Visum beantragt und konnten ohne langes Anstehen durch marschieren, um wenige Meter weiter unsere Rucksäcke vom Band zu heben.
Draußen herrschte heilloses Gewusel. Wir besorgten uns ein Taxi-Ticket und ließen uns nach Siem Reap fahren. Unser süßes Hotel lag in der Seitenstraße einer Seitenstraße. Wir wurden sehr herzlich vom Personal begrüßt und jeder Wunsch wurde uns von den Augen abgelesen. Wir bekamen einen kalten Drink, ein schönes Zimmer und jede Extrawurst, die wir haben wollten. Sie schienen ehrlich interessiert daran zu sein, dass wir uns wohlfühlen oder anders ausgedrückt, sie weiter empfehlen. Wir machten uns frisch und fuhren bald nach unserer Ankunft mit einem jungen Mann zu einem Denkmal, das den vielen Opfern der Roten Khmer gedenken soll.
Die Roten Khmer waren eine radikal-kommunistische Guerillabewegung um Machtinhaber Pol Pot, die die Kambodschaner zwischen April 1975 und Januar 1979 terrorisierte. Millionen Menschen wurden getötet. Wer nicht an der Zwangsarbeit oder den Folterungen zugrunde ging, wurde auf einem der Killing Fields hingerichtet. Schätzungen zur Folge haben die Roten Khmer während ihrer Herrschaft rund ein Viertel der damaligen Bevölkerung ausgerottet. Aber auch nach der Befreiung durch vietnamesische Truppen fand das Land keinen Frieden. Bis 1998 prägte ein Bürgerkrieg die lebende Genration. Das ganze Land wurde währenddessen großflächig vermint und danach nicht geräumt. Bis heute fordern die unsichtbaren Sprengköpfe zahlreiche Opfer. (Hier und hier gibts spannende Artikel zu den Roten Khmer und dem Bürgerkrieg)


International Rescue Committee,Thailand, New York 1982
Über dem Denkmal wuchs ein prächtiger Baum, an dem saftige Mangos hingen. Es war beklemmend vor den aufgetürmten Schädeln zu stehen. Wohl am meisten, weil das alles ist, was ich fühlte. Ich war beinahe unberührt und sah mir alles mit menschlichem Stumpfsinn an. Es war so weit weg. Nicht greifbar. Links von mir liefen kleine Kinder herum und rechts fegte ein buddhistischer Mönch durch den Tempel. Ich stand dazwischen und blicke auf die unzähligen Schädel, die sich hinter einer Glasscheibe befanden. 
Wir Deutschen werden unserer ganzes Lebens lang mit dem NS-Regime konfrontiert. Mit 16 war ich mit meinen Schulkameraden unter strenger Beaufsichtigung in Sachsenhausen. Im Geschichtsunterricht diskutierten wir immer wieder über die Frage, wie es dazu kommen konnte und ob das heute auch noch möglich wäre. Kennen die Gesichter des Schreckens, die Fakten, die Opferzahlen und die Helden dieser Zeit auswendig. Im Ausland bin ich Ms. Hitler und wenn ich Pech habe, dann bleibe ich am Wochenende versehentlich auf ZDF Info hängen, wo die Indoktrination weitergeht, weil der Sender noch nicht mitbekommen hat, dass es nach 1945 noch weitere berichtenswerte Ereignisse gab. Und das sind nur die Erlebnisse, die mir spontan einfallen. Ich möchte das, was die Nazis getan haben, nicht kleinmachen. Es ist gut und richtig, dass wir unsere Geschichte kennen. Aber ich fühle mich einfach nicht schuldig und bin nach Jahren wiederkehrender Konfrontation abgestumpft. 
Und dann, mehrere tausend Kilometer von Deutschland entfernt, stand ich vor den Zeugnissen eines anderen Horror-Regimes. Ich verstand was ich dort sah und verstand es nicht einmal im Ansatz. Ich würde niemals, trotz aller Bemühungen verstehen, wie sich Verfolgung und Verlust anfühlten. Gegenteiliges zu behaupten wäre anmaßend. Ich würde niemals nachvollziehen können. Aber vermutlich ist es auch genau das, was man mit der Erinnerung, dem Denkmal, erreichen wollte: Demut. Und sich des unaussprechlichen Glückes besinnen, aus purem Zufall in Frieden zu leben.
Ich lief nachdenklich weiter, las interessiert die aufgestellten Schilder, sog die seltsame Stimmung in mich auf. Nach wenigen Minuten waren wir bereits fertig. Wir schlenderten zurück zu unserem Motorrad-Taxi und ließen uns erschöpft im Zentrum von Siem Reap absetzen....

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